Achtung, wichtiges Buch über Memoir: „The Art of Memoir“ von Mary Karr

Dieses Buch über Schreiben und Lesen von Memoir hat mich geleitet, inspiriert und informiert, als ich „Schafft euch Schreibräume“ fertig gestellt habe. Es ist … bereits 2015 erschienen,  doch ich habe es erst im Februar 2017 in Los Angeles entdeckt. Ich habe es verschlungen, an mich gerissen, wie eine Landkarte mitten im Urwald. Ich war unsicher und voller Fragen, was mein Memoir betrifft und Mary Karr war da, mit Antworten, Analysen und Buchtipps. Sie selbst ist ja eine der ganz großen Memoir-AutorInnen der USA. Ihre Trilogie „Liars Club“ „Cherry“ und „Lit“ wurden Bestseller und sind umwerfend gute Vorbilder für jede/n, der/die ein Memoir schreiben will. Mary Karrs Erfolge gaben der Anerkennung von Memoir als literarisches Genre einen kräftigen Schub. Die Literaturkritik und die Kulturelite konnte nicht anders als der großen amerikanischen Memoir-Autorin, – Lehrerin und Lyrikerin einen Ehrenplatz einzuräumen. Anerkennung von offen autobiographischer Literatur? Davon sind wir im deutschsprachigen Raum offenbar noch Jahrzehnte entfernt!

Im Vorwort von „The Art of Memoir“ schreibt Mary Karr, es sei seltsam, dass sie immer noch ein bisschen das Gefühl habe, dieses ur-demokratische (!) Genre verteidigen zu müssen. Obwohl es ja nun bereits seit 20 Jahren einen Blütezeit erlebe. Spätestens aber seit 2005 sei „non-fiction as literature“ in den Türmen der Literaturkritik angekommen ist. (Memoir zählt zu „Non-Fiction“, also zu den nicht fiktiven Texte, sondern eben sich auf das eigene Leben beziehend, was nicht heißt, dass sie nicht-literarisch sind …). Ein Wendepunkt war, als der Herausgeber der tonangebenden, eher elitären Literaturzeitschrift „Paris Review“ schrieb, Snobismus gegenüber Memoir ähnle der Kritik, die im 19. Jahrhundert gegenüber der Photographie vorgebracht wurde.  Damals sagte man, es mangle der Photographie im Verhältnis zur guten alten Malerei an Kunstfertigkeit, Phantasie, Originalität: „But the nonfiction I published was very bit as good as fiction“.

Mary Karr schreibt im Vorwort an ihre wohl Großteils amerikanischen LeserInnen, dass junge Leute vielleicht gar nicht wissen, dass  es früher mal Attacken auf Memoir gegeben hatte. Sehr witzig..  Von gewissen mehr oder weniger scharfen Attacken auf mein neues Buch kann ich leider auch sprechen, auch wenn sie in irgendwelchen Internet-Rezensionen versteckt sind und immer von eher ahnungslosen RezensentInnen kommen. Jedenfalls bemerke ich, dass bei uns Memoir-Bücher tendenziell nicht so ernst genommen werden und als schwer einordenbar empfunden werden. Ich nehme an, vielen KulturkritikerInnen ist dieses Genre irgendwie peinlich. Warten wir zwanzig Jahre ….

Aber nun zurück zu Mary Karrs phantastischem Buch. Sie schreibt mit der Erfahrung einer großen Memoir-Autorin, die auch Lyrikerin ist und seit Jahrzehnten an einer Universität Schreiben (Creative Writing/Memoir) lehrt. Das Buch fragt und beantwortet die Fragen:  Was kostet und heißt es, ein Memoir zu schreiben?

„The Art of Memoir“ wirft aber auch einen – sehr einladenenden – literaturanalytischen Blick auf das Genre. Mary Karr stellt viele Memoir Bücher vor, die sie inspiriert haben, die sie seit Jahrzehnten lehrt und die deutlich machen, wie weitreichend, alt und spannend diese Genre ist. Im Anhang des Buches befindet sich eine 6-seitige Leseliste, die sich gewaschen hat und uns für die nächsten Jahrzehnte Lesestoff gibt: Von Maya Angelou über Vladimir Nabokov und Virginia Woolf, alles da. Auch im Original nichtenglische Bücher wie Isabell Allende, Thomas Bernhard (sic!), Marquez, Prim Levi und Viktor Frankl.

Weiters geht es in diesem Must-have-Buch um die Wahrheit der eigenen Erinnerung, Plot, Schreiben und Therapie, Fleischlichkeit/Sinnlichkeit im Memoir, den Umgang mit Menschen aus dem eigenen Umfeld, die im Memoir vorkommen. Die Unabdingbarkeit von Zeit, Feedback und Überarbeiten im Memoir.  Ich las das Buch im Februar 2017 in der Wüste Südkaliforniens und im Flug von Los Angeles zurück nach Wien. Daraufhin verschob ich meinen Abgabetermin beim Verlag um 5 Monate. Jetzt war mir klar, was ich noch zu tun hatte. Was für ein Buch, Danke, Mary Karr. Ich werde es immer wieder lesen!

Und hier noch zwei Filmchen zum Buch:

Youtube about „The Art of Memoir“ by Mary Karr

youtube about „Lit“ by Mary Karr

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