Ich glaubte mir eine Karriere als Autorin geschenkt zu haben…

Foto: Jasmin Jenni (https://www.jasminjenni.photo)

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Claudia Scheidemann über das Buch „Schafft euch Schreibräume“ und den „Feministischen Schreibworkshop“ im writers´studio
An diesem November-Abend 2019 in Marburg habe ich geglüht. Es war großartig, Judith dabei zuzuhören, wie sie aus ihrem Buch „Schafft euch Schreibräume“ vorlas und von der Entstehung des Buches berichtete. Vom weiblichen Schreiben auf den Spuren Virginia Woolfs sprach und davon, was Frauen brauchen, um heute so zu schreiben, wie sie wirklich schreiben wollen. Ermutigungen für einen Raum voller Studierende und mich. Eine Freundin hatte mich auf den Vortrag in der Universitätsbibliothek in Marburg aufmerksam gemacht. Ich hatte vorher noch nie von ihr oder dem ‚writers‘ studio‘ in Wien gehört. Und von Virginia Woolf hatte ich auch nur die üblichen Klischees im Kopf: Die Verrückte, die sich umbrachte, nachdem sie komplizierte Romane geschrieben hatte.

Die „Schreibräume“ hatte ich mir nach dem Vortrag sofort gekauft und die Widmung hat mich beflügelt: „Für Claudia, Kollegin im Schreiben: Viel Freude beim Lesen & Schreiben!J. Wolfsberger“. Ich brannte fürs Schreiben, weil die Unterschrift unter meinem Vertrag mit dem Literaturagenten gerade getrocknet war und ich glaubte, mir zu meinem 50.Geburtstag neun Tage später eine Karriere als Autorin geschenkt zu haben.

Jetzt ist es 2022 und ich fühle mich weiter von diesem Traum entfernt als jemals zuvor. Denn jetzt habe ich Erfahrungen gesammelt im „Literaturbetrieb“. Und musste feststellen, dass ich nicht das Buch schreiben sollte, das ich gerne geschrieben hätte, sondern ein gefälligeres. „Ohne ‚Love-Interest‘ geht es ab er nicht!“ – „Nehmen sie die schlimme Backstory wieder raus. Das will niemand lesen in einem Frauen-Roman.“ – „Haben Sie schon mal über Road-Movie-Elemente nachgedacht?“

Nein, hatte ich nicht. Und das Buch wurde konsequenterweise nie fertig. Die Liebesgeschichte hatte sich sperrig wie ein ungeliebtes Möbelstück mitten in die Geschichte geflanscht. Und dass alle fünfzehn Verlage ablehnten, die das Exposee bekommen hatten, half da natürlich auch nicht. Der Rausch von „Stell dir vor, Ullstein würde es haben wollen…“ war vorbei. Dafür sitzt seitdem in meinem Kopf eine ganze Gruppe von Kritikern, die mir erklären, dass ich mich entweder dem Markt anpassen muss oder eben keinen Erfolg, keinen Verlag, kein Buch mit meinem Namen darauf haben würde. Und von dem halben Dutzend Plot-Ideen existieren jeweils nur wenige Seiten, eben bis zu dem Punkt, an dem sie sie mir wieder madig gemacht haben.

Jetzt also eine „Feministische Schreibgruppe“, ein feministischer Buchclub. Wir lesen wieder Judiths Buch und ich träume doch wieder davon: Von einem Buch mit meinem Namen darauf. Ein Buch,  auf das ich stolz bin und das voll und ganz meines ist.

So oft habe ich ein begeistertes JA an den Rand des ersten Kapitels geschrieben!
Ja! Ich will auch in einer Bibliothek sitzen und umgeben von Büchern selber schreiben. Wie Judith beflügeln mich ehrwürdige Räume und schöne Orte des Schreibens. Ja! Ich will den Austausch mit anderen. Und ich will, dass wir uns gegenseitig fördern in unserem Schreiben. Ja! Ich will richtige Bücher machen und von richtigen Verlagen publiziert werden.

Ja! Ich schreibe auch, um mir das Leben zu erleichtern. Ja! Ich schreibe mich durch meine Krisen. Ich schreibe mich zu mir. – Aber was soll das mit gedruckten Büchern zu tun haben?

Wie viel Zeit braucht es, das eigenen Schreiben so weit zu entwickeln, dass es gut genug ist? Jaja, ich weiß schon, es ist nur zu spät, wenn ich nicht jetzt anfange. Doch der Weg, der als der erfolgversprechendste erschien, hat sich als Sackgasse erwiesen. Was nun?

Wie kann ich mich vergleichen, wo anknüpfen bei Frauen, die schon ihr ganzes Leben mit dem Schreiben verbracht haben. Wenn schon eine Frau, die in Berkeley (!) Schreiben STUDIERT hat und anderen das Schreiben beibringt, die mit allem viel früher angefangen hat als ich, daran zweifelt und damit hadert, wie sie zur ‚Writerin‘ werden kann, aus was soll ich mir dann den Mut und die Kraft dazu entstehen lassen? Ich weiß es nicht. Vielleicht ‚noch‘ nicht?

Ich schreibe trotzdem. Für die Schublade. Für die Festplatte. Für eine kleine Gruppe freundlich Zuhörende. Ohne zu wissen, was daraus wird. Ohne zu wissen, ob etwas anderes daraus wird als viele vollgeschriebene Notizbücher, Journals und Dateien.

Diese Traurigkeit gefällt mir nicht, aber sie klebt an mir nach dem Lesen dieses ersten Kapitels. Wer will schon Texte lesen, die davon triefen? Texte, die von dunklen Zeiten berichten und wie schäbig sich diese anfühlen. Gut versteckte Lebenszeit, für die man sich schämen muss. Wer will sowas schon schwarz-auf-weiß nach Hause tragen und auf dem Nachttisch liegen haben? – Eben! Und ich kann das sogar gut verstehen, ich will diese Erlebnisse und Zeiten schließlich auch nicht haben.

Also anders gefragt: Wo bekomme ich die kühne Dreistigkeit und bodenlose Unverschämtheit her zu glauben, dass ich diesen ganzen Mist in etwas verwandeln kann, dass zwischen zwei Buchdeckel passt?

1 Kommentar

  1. Oh bitte ja! Packe all die Dreistigkeit und Frechheit zwischen zwei Buchdeckel, anstelle der gewünschten Gefälligkeit und Kitsch…. Unsere Leben sind auch nicht gefällig, warum sollten unsere Texte es sein?

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